Die Geschichte von den beiden Skorpionhydren*

„Es war in einer Wüste, und ich hatte gerade nichts zu tun, also beobachtete ich diese beiden Giftspritzen im Sand und wettete dabei mit mir selbst. Ich setzte auf die kleinere, beweglichere Skorpionhydra. Zuerst tanzten sie nur eine Weile im Sand umeinander, einen steifen, höflichen, respektvollen Tanz, wie zwei Hofschranzen, die vorgeben, sich zu amüsieren.

Dann ging es plötzlich zur Sache: Die größere Hydra machte ein Täuschungsmanöver, stieß zu und tötete die kleinere mit einem Hieb. Zack! Aus. Vorbei. Danach verspeiste sie sie. Ich hatte also gegen mich selbst verloren und gleichzeitig gewonnen.“
Rumo warf seine kleine Stirn angestrengt in Falten.
„Aber das Erstaunliche daran geschah danach: Nachdem die siegreiche Hydra ihren Gegner gefressen hatte, stach sie sich den eigenen Giftstachel in den Kopf. Und starb unter furchtbaren Zuckungen.“
„Hoh…“, machte Rumo.
„Jemand hat mir das später erklärt, einer, der mächtig Ahnung von Wüstenskorpionen hatte. Er erklärte mir nämlich, dass die beiden Männchen und Weibchen waren.“
„Männchen und Weibchen?“
„Sie waren ein Paar“, beendete Smeik seine Geschichte, als sei dies eine befriedigende Moral. „Das Wunder der Liebe.“
„Das verstehe ich nicht“, sagte Rumo.
„Ich auch nicht“, seufzte Smeik und versank in seinem Tümpel.

* Walter Moers, "RUMO & Die Wunder im Dunkeln"